Hinter dem Namen steht eine Vorstellung vom Tier

Ein Trinkhorn mit dem Namen Greifenklaue klingt zunächst wie ein Gefäß in Form eines Vogelfußes. Bei dem hier behandelten Beispiel bezeichnet der Name jedoch eine Deutung des Horns selbst: Man hielt es der Überlieferung nach für die Klaue eines Greifen. Das Fabelwesen verbindet Adlerkopf und Löwenkörper. Ein ungewöhnlicher Gegenstand konnte damit als vermeintlich greifbarer Beleg für ein Wesen dienen, das sonst aus Erzählungen und Bildern bekannt war.

Für das Verständnis solcher Gefäße sind daher drei Ebenen wichtig. Das Material sagt, woraus sie bestehen. Die Metallfassung zeigt, wie Handwerker daraus ein kostbares Objekt machten. Der überlieferte Name erklärt, was Menschen darin zu erkennen glaubten. Wenn eine Museumsbeschreibung von einer Greifenklaue spricht, ist das keine zoologische Bestimmung und auch nicht automatisch die Bezeichnung jedes verzierten Trinkhorns.

Ein konkretes Beispiel aus dem späten Mittelalter

Die Schulunterlagen zur Ausstellung „Animali“ des Landesmuseums Zürich zeigen auf Seite 21 ein Trinkhorn aus dem Palazzo Pitti in Florenz. Die Bildunterschrift datiert es vom Ende des 14. bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts und ordnet es Süddeutschland zu. Als Materialien werden Büffelhorn, vergoldetes Silber und Email genannt. Der heutige Sammlungsort Florenz ist also nicht mit der angegebenen Herkunft gleichzusetzen.

Der Begleittext erläutert den Glauben, eine solche Klaue könne Gift in Getränken anzeigen und unschädlich machen. Außerdem verweist er auf eine Legende um den heiligen Kornelius. Diese Erzählung gehört zur religiösen und symbolischen Bedeutung des Gegenstands; sie beschreibt keinen nachgewiesenen Vorgang.

Naturmaterial und Kunsthandwerk gemeinsam ausstellen

Warum sollte ein Tierhorn überhaupt neben wertvollen Goldschmiedearbeiten stehen? Rebecca Sanders, Kuratorin beim Schweizerischen Nationalmuseum, beschreibt in ihrem Beitrag „Eine Nuss von Welt“ die Wertschätzung exotischer Naturgegenstände. Sie nennt ausdrücklich Büffelhörner, die als Greifenklauen verstanden wurden. Kostbare Fassungen verbanden Naturalia, also Gegenstände der Natur, mit Artificialia, den Arbeiten menschlicher Hände.

In den von Sanders erläuterten Raritätenkabinetten reicher Sammler konnten solche Kostbarkeiten Reichtum, Wissen und Weltgewandtheit vorführen. Das ist ein hilfreicher Kontext für das Betrachten eines gefassten Horns, aber kein Beleg für die Besitzgeschichte jedes einzelnen Exemplars. Besonders wichtig: Der Beitrag behandelt ausführlich Kokosnusspokale. Aussagen über deren konkrete Besitzer oder Verwendung lassen sich nicht einfach auf das Florentiner Trinkhorn übertragen. Vergleichbar ist hier das Sammelinteresse an ungewöhnlichem Material und seiner kunstvollen Verarbeitung.

Mittelalterliche Form bedeutet nicht mittelalterliche Herstellung

Wer eine eigene kleine Bildsammlung zu Greifenklauen anlegt, stößt leicht auf ähnlich gestaltete Prunkhörner. Dass ein Objekt überzeugend alt aussieht, genügt für seine Datierung nicht. Das Metropolitan Museum of Art führt etwa das deutsche Trinkhorn 17.190.506a, b mit teilweise vergoldetem Silber und Horn als Arbeit des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts im Stil des 15. Jahrhunderts.

Dieses Vergleichsstück wird hier nicht zu einer weiteren Greifenklaue erklärt. Es zeigt eine andere, für die Auswahl historischer Vorbilder wichtige Grenze: Stil und Entstehungszeit können weit auseinanderliegen. Eine nach mittelalterlichen Formen gearbeitete Fassung belegt zunächst das spätere Interesse an diesen Formen. Wer sie für eine Darstellung des 15. Jahrhunderts übernimmt, müsste ihre Einzelheiten zusätzlich mit einem zeitgenössischen Vorbild abgleichen.

Wie du eine Greifenklaue verständlich beschreibst

Für eine Beschriftung oder einen kurzen Vortrag bietet sich eine klare Reihenfolge an: zuerst das tatsächliche Gefäß, dann seine Datierung und erst danach die überlieferte Deutung. Beim Florentiner Beispiel kannst du knapp von einem spätmittelalterlichen, süddeutschen Trinkhorn aus Büffelhorn mit kostbarer Metallfassung sprechen und anschließend erklären, weshalb es mit einer Greifenklaue verbunden wurde. So bleibt die Vorstellung der damaligen Menschen verständlich, ohne als heutige Tatsachenbehauptung aufzutreten.

Bei einem modernen Nachbau sollte zusätzlich erkennbar sein, ob die ganze Form oder nur ein einzelnes Motiv übernommen wurde. Ein Standfuß oder eine silberfarbene Fassung allein stellt die historische Bedeutung nicht wieder her. Wer die Erzählung vom Giftschutz aufgreift, sollte sie ausdrücklich als historische Zuschreibung benennen. Aus dieser Überlieferung lässt sich weder eine Schutzwirkung noch eine Freigabe für Getränke im heutigen Gefäß ableiten.